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II. IM ORDEN

Die Zeit, in der er lebte

Das Leben Johann Baptist Stögers fällt in eine politisch sehr bewegte Zeit. 1789 Ausbruch der französischen Revolution, Napoleon kommt an die Macht, erobert ganz Europa und stößt mit seiner Armee weit nach Rußland hinein vor Der russische Winter zwingt ihn zum Rückzug. 1813 wird sein stark geschwächtes Heer von den Verbündeten (darunter auch Österreich) bei Leipzig besiegt. 1815 tagt in Wien der Kongreß der Sieger (unter dem allmächtigen österreichischen Staatskanzler Metternich), um das Gleichgewicht dei Kräfte in Europa wiederherzustellen. – Zu dieser Zeit ist Johann ein vierjähriges Büblein im Kreise der Familie Stöger ganz nahe bei Wien. Was die französische Revolution in Gang gebracht hat bleibt wirksam in ganz Europa. Bürger und Bauern fordern. immer mehr ihre Rechte gegenüber den Vorrechten des Adels und des Klerus; ihnen schließen sich die arbeitsloser. Handwerksgesellen in den Städten und die Studenten dei Hochschulen an. Im März 1848 kommt es in Deutschland und Österreich zu einer Revolution, die durch ihre Radikalität und Kirchenfeindlichkeit an die große französische Revolution erinnert. Zwar wird nach drei Tagen schon die Ruhe wiederhergestellt, aber das Jahr 1848 bleibt Revolutionsjahr; immer wieder kommt es zu neuen Revolten. Metternich: flüchtet noch im März nach England, Kaiser Ferdinand I verläßt im Juni Wien. Am 2. Dezember 1848 dankt er ab und es folgt ihm der achtzehnjährige Franz Josef I. auf der.

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Thron. – Auch das Kloster Eggenburg, wo Johann als Bruder Baptist schon seit zehn Jahren den Klostergarten betreut, bleibt vom Revolutionssturm nicht verschont. Die vorherrschende Geistesströmung dieser Zeit (in Österreich besonders seit Kaiser Josef II., 1780 – 1790) ist die «Aufklärung»: Die Vernunft hat Vorrang vor dem Glauben! Josef II. betrachtet die Religion als Dienerin des Staates, greift selbst in innerkirchliche Angelegenheiten ein (Staatskirchentum) und erläßt sogar Vorschriften über Predigten und gottesdienstliche Feiern (Volksandachten und Wallfahrten sind verpönt). Dieser «josefinische Geist» bleibt jahrzehntelang in Österreich in Staat und Kirche bestimmend. Die Aufklärung ruft aber auch eine Gegenbewegung her- vor. In den Kreisen der Akademiker sind es die «Romantiker», die die Gemütstiefen der Seele als Quelle aller Kultur neu entdecken und sich entschieden gegen den Geist der Aufklärung wenden (die beiden Brüder Schlegel, Zacharias Werner u. v. a.). Im kirchlichen Raum ist es in Wien besonders Klemens Maria Hofbauer mit seinem Kreis (die Romantiker, einige Aristokraten und Politiker, Studenten), der bewußt den einfachen Glauben, Gebet, Sakramentenempfang und die Volksandachten neu betont. Klemens findet auch beim einfachen Volk großen Anklang. Sicher dürfen wir den Onkel Michael unseres Johann zu jenen rechnen, die sich dieser religiösen Erneuerung freudig öffnen. Klemens Hofbauer ist der erste Deutsche, der der Ordensgemeinschaft der Redemptoristen beigetreten ist. Weil er im josefinischen Österreich nicht arbeiten kann, geht er nach Warschau, wo er über 20 Jahre lang seelsorglich und karitativ sehr erfolgreich wirkt. Als er 1808 von Napoleon aus

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Warschau vertrieben wird, kehrt er nach Wien zurück. Hier wird er der Mittelpunkt der kirchlichen Erneuerung. Dadurch schafft er sich in den Kreisen der Aufklärer viele Feinde; diese wissen die staatliche Anerkennung des Redemptoristenordens in Österreich zu verhindern. Erst kurz nach dem Tod des hl. Klemens (15. März 1820) wird Maria am Gestade in Wien I den Redemptoristen als erstes Kloster in Österreich übergeben. Die von Klemens Maria Hofbauer in Gang gebrachte Erneuerung wird von seinen Schülern in die Diözesen Österreichs hinausgetragen, der Orden der Redemptoristen verbreitet sich über die ganze Welt. Was das Ordensleben betrifft, sieht man in dieser Zeit das Ziel des Ordenslebens in erster Linie im Streben nach Vollkommenheit («Stand der Vollkommenheit»). Man betont die Nachahmung der Tugenden Jesu Christi. An erster Stelle stehen Selbstverleugnung, Demut und Gehorsam. Der Ordensobere ist Stellvertreter Gottes und vermittelt, aufgrund der Standesgnade der Leitung, den Untergebenen den Willen Gottes. Im Leben Bruder Baptists wird sehr deutlich, wie er sich bemüht, dieses Frömmigkeitsideal zu verwirklichen. Allerdings, er wächst in gewisser Weise über das Frömmigkeitsideal seiner Zeit hinaus, weil er hinfindet zu jener Mitte, die alle christlichen Tugenden eint und trägt: «Das Größte aber ist die Liebe! » (1 Kor 13)

Die ersten Erfahrungen im Orden

Der Eintritt in den Orden ist für Johann, sozial gesehen, kein Aufstieg. Er wird als Kandidat nach Weinhaus geschickt, in den 18. Bezirk Wiens, wo die Redemptoristen eine Villa mit Landwirtschaft besitzen. Dort soll er bei Bruder Au-

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gustin das Brotbacken erlernen und in der Landwirtschaft mitarbeiten. Täglich wird Maria am Gestade von Weinhaus aus mit frischer Milch, mit Brot und Gemüse versorgt. Diese Aufgabe muß jetzt oftmals Johann übernehmen. Er, der daheim mit zwei Pferden stolz auf seinem Wagen fuhr, soll sich vor einen Handkarren spannen, um die tägliche Ration nach Maria am Gestade zu bringen. Dabei führt sein Weg am Markt vorbei, wohin die Enzersfelder ihre Erzeugnisse bringen. Wie würden sie in Enzersfeld überall erzählen: «Der Stöger Johann fährt mit einem Ziehkarren durch die Wienerstadt!» – Nein, diesen Spott sollen sie nicht haben! Er schaut sich nach allen Seiten um, macht lieber einen Umweg und rackert sich ab, – nur, um von ihnen nicht entdeckt zu werden. Eine andere Schwierigkeit ist für ihn die Unordnung in der Arbeitseinteilung. Weinhaus wird als Außenstelle von Maria am Gestade aus verwaltet. Dadurch kommt es oft zu widersprüchlichen Anordnungen: Das eine Mal kommt P. Ökonom und befiehlt dieses, dann kommt Pater Rektor als höherer Oberer und befiehlt es anders, und schließlich noch der höchste Obere, Pater Passerat, und sagt: «Was ihr da macht, ist ganz nutzlos; laßt diese Arbeit und betet lieber ein Ave!» An diesem Wirrwarr leidet Johann so sehr, daß er an den Rand einer Berufskrise kommt. Bruder Augustin, sein Meister in der Backstube, wird ihm in dieser schwierigen Zeit eine große Stütze. Er weiß aus seiner reichen Erfahrung das rechte Wort zur rechten Zeit zu finden, er macht dem jungen Kandidaten die ersten Schritte in den Orden möglich. Johann schätzt diesen alten Bruder wie seinen eigenen Vater.

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Im Noviziat

Die Kandidatur in Weinhaus geht bald zu Ende. Johann ist erleichtert. Im September 1836 darf er nach Eggenburg übersiedeln, um dort im Klostergarten und in der Bäckerei seine Arbeit fortzusetzen. Am 19. März 1837, dem Fest des hl. Josef, beginnt für ihn das Noviziat. Er wird eingekleidet und erhält einen neuen Namen: Bruder Kolomann. Später wird dieser Name geändert in Bruder Baptist. In der Einkleidungszeremonie heißt es: «Leg’ den alten Menschen ab und zieh’ den neuen Menschen an, der gestaltet ist nach Jesus Christus!» Wie wird Bruder Baptist dieses Hineinwachsen in Jesus Christus gelingen? Er hat damit schon begonnen in seinem bisherigen Leben, jetzt im Noviziat soll ein neuer Anfang gesetzt werden. Er soll das Leben Jesu Christi in Gehorsam, Ehelosigkeit und Armut in seinem Ordensleben ausprägen. Der Novizenmeister, P. Bruchmann, wird die Novizen in Vorträgen und durch geistliche Begleitung schrittweise in das Ordensleben einführen. Bruder Baptist ist mit großem Eifer bestrebt, ein ganzer Ordensmann zu werden. Zwei wesentliche Haltungen (Tugenden) Bruder Baptists treten schon im Noviziat sehr deutlich hervor, nämlich Demut und Gehorsam. Es ist uns vielleicht schwer verständlich, daß Demut und Gehorsam sehr positive christliche Haltungen sind, die für jeden Christen Bedeutung haben. Über die Demut schreibt Paulus im Philipperbrief: «Macht meine Freude dadurch vollkommen, daß ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig, so daß ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst.

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Jeder achte nicht auf das eigene Wohl, sondern auf das des anderen.» (Phil 2, 2 – 4) Demut und Bescheidenheit im Kreise seiner Mitbrüder entspringen bei Bruder Baptist aus der Hochachtung, die er anderen entgegenbringt. P. Bruchmann pflegt manchmal in das Gespräch Fragen aus der Kirchengeschichte einzustreuen. Die Studenten-Novizen bleiben oft die Antwort schuldig. Dann kommt Bruder Baptist an die Reihe. Er kann aus dem Vollen schöpfen, weil er in Kirchengeschichte sehr belesen ist. Aber er will niemand verletzen oder zurücksetzen und kleidet seine Antwort in die Worte ein: «Ja, ich hab’ einmal so und so gelesen» oder «Mein Onkel hat mir erzählt» – und in aller Bescheidenheit folgt dann die richtige Antwort. Gehorsam ist gleichsam das Fundament des Ordenslebens. Denn wer Christus nachfolgen will, schaut auf ihn, der den Willen des Vaters erfüllte «und gehorsam wurde bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz» (Phil 2,8). Bruder Baptist ist pünktlich, gefügig und offen für die Weisungen des Obern. Sein Leben hat jetzt eine feste Ordnung. Allein, wie schwer es werden kann, gehorsam und verfügbar zu sein, wird ihm eine weitere bittere Erfahrung. Nach dem ersten Noviziatsjahr kommt vom Generalvikar Pater Passerat die Weisung, er solle wieder nach Weinhaus zurück. Tagelang ringt er um die innere Bereitschaft, sich zu fügen, doch es gelingt ihm nicht. «Lieber alles andere, nur nicht nach Weinhaus zurück!» – sagt er zum Pater Ökonom, dem die gedrückte Stimmung des Bruders auffällt. P. Hayker erkennt, daß hier diesem jungen Ordensmann zuviel zugemutet wird. Er wendet sich an P. Rektor und man bringt die Sache noch einmal vor P. Passerat. Dieser, selbst ein genauer Ordensmann, entbehrt nicht

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der nötigen Menschenkenntnis. Er nimmt den Befehl zurück und verfügt, daß Bruder Baptist Gärtner in Eggenburg bleiben soll. Vielleicht ist es gerade diese Entscheidung, die in Bruder Baptist jene Hochachtung aufkommen läßt, die er P. Passerat zeitlebens entgegenbringt. Der Klostergarten von Eggenburg wird also sein Arbeitsfeld sein – bis zu seinem Tod. Vierzig Jahre lang wird er hier leben, arbeiten – und auch leiden. Er wird sein Lieblingslied hier weitersingen, als Grundmelodie seines Lebens: «Laß mich deine Leiden singen... »

Die Ordensprofeß

«Hätte aber die Liebe nicht... »

Am 18. März 1840, dem Vorabend des Festes des hl. Josef, darf Bruder Baptist, zusammen mit Bruder Matthias Kauba, die Profeß (die Gelübde) ablegen. Damit verspricht er auch, für sein Leben der Kongregation des allerheiligsten Erlösers treu zu bleiben. In der Profeßfeier ist die Rede vom Verlassen der Welt und vom Verzicht auf irdische Ehren und Anhänglichkeiten; es wird die Herausforderung der Kreuzesliebe angesprochen, das Ertragen von Mühen und Beschwerden, von Armut und Verachtung. Und der Neuprofesse antwortet: «Ich bin bereit, das alles zu ertragen. Ich will allein Jesus Christus lieben und ihm nachfolgen!» Die Ablegung der Profeß ist ein eindrucksvolles Zeugnis. Es wäre aber nichts ohne die Gesinnung der Liebe, die das Herz des Ordensmannes immer mehr durchdringen soll. Paulus schreibt im ersten Korintherbrief: «Wenn ich meine

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ganze Habe verschenkte, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts. Und wenn ich alle Glaubenskraft besäße und damit Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts» (1 Kor 13, 3.2.). In der Tat, Gottesliebe und Nächstenliebe prägen immer mehr das Leben Bruder Baptists. Er lebt als Ordensmann ein vorbildliches christliches Leben, das ausstrahlt und auch andere zur gleichen Liebe ermutigt. Das weitere Leben Bruder Baptists weist keine großen äußeren Ereignisse auf. Er verbringt die ganze Zeit seines Ordenslebens im Kloster Eggenburg, wo er im Garten und später in der Kirche und im Haus seine Arbeit verrichtet. Nur einmal muß er Eggenburg verlassen, im Jahr 1848: Als er und seine Mitbrüder am 8. April aus dem Kloster vertrieben werden, findet er als «Flüchtling» bei Familie Hau in Roggendorf Unterkunft. Aber schon nach drei Tagen kann er wieder in sein Kloster zurückkehren.

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